Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017

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*Flicka

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Die Reise, auf die ich euch gerne mitnehmen würde, hat schon im Januar und Februar 2017 stattgefunden. Bis vor kurzem habe ich darauf beharrt, dass ich einfach keine Zeit für einen Reisebericht habe, aber jetzt ist mein Widerstand doch gebrochen. ;-)

Wir fliegen im Januar nach Tokio, unternehmen von dort aus ein paar Ausflüge und machen uns dann per Flugzeug auf den Weg nach Sapporo auf der Nordinsel Hokkaido, wo wir das Snowfestival besuchen werden.

Ich weiß noch nicht, ob ich den Reisebericht in ausführlicher Form durchhalten werden, aber die ersten beiden Tage sind immerhin schon mal vorbereitet.

Wer sich für Reisen in Japan interessiert, der darf auch gerne in den Bericht meiner Ersttäterreise hineinschauen. Vieles, was dort beschrieben ist, ist immer noch aktuell:

Sakura, Sushi, Samurai - Im Frühling 2014 durch Japan

Kommt ihr mit? Dann holt die Skiunterwäsche aus dem Keller und steigt ein!

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #1 am: 12.05.2018, 11:01 Uhr »
Samstag, 28. Januar 2017


„Japan? Ist da jetzt nicht auch Winter?“
Das  ist eine Frage, die mir in den letzten Tagen öfter gestellt wurde. Ja, in Japan ist jetzt Winter, und ja, ich fliege trotzdem dorthin und nicht in die Wärme. Während ich im Zug nach Frankfurt sitze und hinaus in die deutsche Winterlandschaft schaue, frage ich mich dann aber doch kurzzeitig, ob ein zweiter Besuch in Andalusien nicht doch was feines gewesen wäre. Mein Koffer ist gepackt, als ginge es zum Südpol: Schneestiefel, Wärmepads für die Füße, Mütze, Bufftücher mit Fleece, eine Skihaube, Fleecewesten und nicht zu vergessen 3 Garnituren Skiunterwäsche.

Von Frankfurt aus fliege ich heute abend mit Japan Airlines per Direktflug nach Tokio, und von dort aus will ich nach ein paar Tagen weiter nach Sapporo. Am Schalter von Japan Airlines im Terminal 2 fällt mir beim Warten aufs Einchecken ein Schild auf: Für 250 Euro kann man von der Economy in die Premium Economy upgraden. Je mehr ich darüber nachdenke und die Bilder von den Sitzen in der Premium Economy studiere, desto klarer ist mir: Da werde ich nachher sitzen. Und wenig später verlasse ich den Schalter mit einer entsprechenden Boardkarte für Platz 19K.



Vom Abflug am Gate D8 trennen mich noch einige Wartezeit, ein Abendessen im Terminal 2  und ein Körperscanner. Den muss man nicht nutzen, aber wer auf analoge Kontrolle besteht, ist offensichtlich gleich verdächtig und wird konsequenterweise ausgiebig begrapscht, da ist mir der Scanner lieber. Am Gate bekommt man dann den Eindruck, schon in Japan zu sein. Die Ansagen werden erst auf japanisch, dann auf englisch und erst zum Schluss auf deutsch gemacht. Ich betrete als eine der letzten das Flugzeug und nehme Platz. Der Sitz neben mir ist nicht besetzt. Wenn ich das mit den letzten Flügen in Condor und Iceland Air vergleiche, logiere ich hier geradezu luxuriös. Der Sitz hat einen Unterschenkelstütze, die ich auch bald ausklappe, und tatsächlich gibt es hier, wie ich vorhin noch schnell auf der Japan-Airlines-Homepage überprüft habe, Champagner zu trinken. Das ist doch mal ein Start in den Urlaub! Allerdings begehe ich offenbar schon gleich den ersten Faux-Pas, denn während ich noch mit meinen Wanderschuhen da sitze, haben die anderen Fluggäste schon längst die bereitgestellten Pantoffeln angezogen.






Der Flug vergeht dann tatsächlich ganz angenehm, ich kann sogar ein wenig schlafen, das schaffe ich sonst nur selten im Flieger. Das Flugzeug scheint ziemlich neu zu sein, und an den Fenstern gibt es nicht die üblichen Sichtblenden zum Herunterziehen, sondern die Scheiben können stufenlos verdunkelt werden. Die Stewardessen sind lieb und huschen als hilfreiche Geister durch die Gänge. Nur ein Problem kann ich nicht lösen: Ich trage auf dem Klo die falschen Pantoffeln. Normalerweise gibt es in Japan extra Kloschlappen, und ich muss hier mit den Kabinen-Schlappen aufs Klo, das geht ja eigentlich gar nicht.

Auf dem Flug befinden wir uns zeitweise nördlich des Polarkreises, und irgendwo über Sibiren geht schließlich die Sonne auf. Netterweise machen wir noch eine kurze Kurve, damit ich über den Flügel die verschneite Landschaft fotografieren kann.




Ich fülle das Zollformular und die Einreisekarte aus, es gibt Frühstück, und so langsam erscheint auf der Flugkarte auch Japan am Horizont. Ich halte eifrig Ausschau, ob ich vielleicht den Fuji sehe, aber leider liegt eine dicke Wolkendecke über meinem Urlaubsland. Dafür mache ich eine ganze neue Erfahrung: Hier bei Japan-Airline gehen die Stewardessen gegen Ende des Fluges zu jedem Passagier, erkundigen sich, wie der Flug war, welche Pläne man denn so hat etc. Oder machen sie das nur von der Premium Economy aufwärts? Der Landeanflug beginnt gefühlt eine Stunde vor der Landung, noch eine enge Kurve, und dann landet der Flieger schließlich überpünktlich gegen 13.50 Uhr in Tokio-Narita. Geschafft!




Die Immigration dauert nicht lange, man muss ein Foto machen lassen und von beiden Zeigefinger die Fingerabdrücke nehmen lassen, dann dauert es eine Weile, bis mein Koffer auf dem Band erscheint. Hm, ein wenig ramponiert wirkt er ja, offenbar kann man heute nicht mehr erwarten, einen Koffer länger als fünf Jahre nutzen zu können. Am Zoll bekomme ich dann die Fragen gestellt, die ich eigentlich bei der Einreise erwartet hätte (was ich mache, wie lange ich im Land bin, ob ich jemanden besuche...) Leider verstehe ich den Zöllner ganz schlecht, und so richtig kann er sich wohl auch nicht vorstellen, dass ich begriffsstutzige deutsche Touristin wirklich nur ganz on my own hier zwei Wochen Sightseeing machen will, aber dann darf ich doch weitergehen.

Trotzdem geht das ganze relativ flott. Inzwischen ist es halb drei, und ich stelle mich bei JR East an, um meinen Rail-Pass-Gutschein gegen einen Rail Pass zu tauschen. Bei der Reise 2014 hatte ich mir einen Rail Pass gekauft, der drei Wochen lang galt, und zwar für ganz Japan. Das ist mir diesmal zu teuer, denn weite Strecken werde ich nur wenige fahren. Ich habe mir deshalb einen JR East Pass geholt, und den Gutschein konnte man netterweise von zu Hause aus online bestellen und musste ihn nicht kaufen und sich schicken lassen wie das damals bei dem Rail Pass der Fall war. Der Pass gilt nur an fünf Tagen, die kann man aber in einem Zeitraum von 2 Wochen frei aussuchen.




Die Schlange hier ist zum Glück nicht so lang, um kurz vor drei habe ich den Pass und ein Ticket für den Narita Express nach Tokyo-Station und eine Suica-Card gekauft. Damit kann man in Zügen und U-Bahnen (und auch in vielen Geschäften) zahlen, ohne jedesmal eine Fahrkarte kaufen zu müssen, sehr praktisch. Eigentlich hätte ich meine Suica-Card von 2014 weiter nutzen können, dummerweise habe ich sie zu Hause aber nicht mehr gefunden.

Die Fahrt nach Tokio-Station dauert eine Stunde, dort suche ich mir problemlos meinen Weg zum Anschlusszug und fahre noch 4 Stationen mit der Yamanote-Line nach Ueno, alles total souverän. Dann verlaufe ich mich aber nicht ganz so souverän in der Ueno-Station. Komisch, hier bin ich 2014 so oft durchgekommen, und jetzt stehe ich plötzlich verblüfft an einem mir unbekannten Ausgang. Den Shinobazu-Ausgang finde ich dann aber doch.

Das Coco Grand Ueno Shinobazu finde ich zum Glück anschließend problemlos wieder, und nach dem Einchecken geht es mir wieder so wie 2014: Oh du meine Güte, ist das Zimmer wirklich so klein? Von 2014 weiß ich aber, dass ich mich schnell daran gewöhnt habe, das wird mir diesmal hoffentlich auch so gehen.




Erst mal hüpfe ich unter die Dusche, dann ist Siesta auf dem Bett angesagt. Während ich die Füße hochlege, schaue ich eine mysteriöse Sendung, in der Kandidaten oder Komiker mit Yukata bekleidet und auf Kissen kniend Fragen beantworten oder Witze erzählen, und ab und bekommen sie ein weiteres Kissen unter ihre Knie, während der Moderator sich im Verlauf der Show verschiedene Perücken anzieht. Ah ja.




Abends erkunde ich dann Ueno. Obwohl ich 2014 hier im Hotel gewohnt habe, habe ich mir außer der Kirschblüte im Ueno-Park fast nichts angesehen. Jetzt schlendere ich durch die Straßen und bin schnell wieder in diese fremde Welt eingetaucht.

















Zwischendurch lande ich dann auch noch spontan in einem Eulen-Café. Davon hatte ich bei der Planung der letzten Reise zwar gehört, mich aber nicht weiter darum gekümmert, da war mir das Cat-Café, das ich besucht habe, schon exotisch genug. Der Besuch im Eulen-Café ist allerdings ein Erlebnis, das ich nicht ohne weiteres empfehlen würde, denn die Eulen scheinen mir nur begrenzt begeistert, und ich bekomme mit, dass einer der Jungs, der hier arbeitet, den Eulen ständig die Köpfe für ein Foto in die richtige Richtung drehen will.




Weiter geht’s. Ich lande in einem Laden, der problemlos nebeneinander Dinge wie Ritter-Sport-Schokolade und Seeigel-Konserven anbietet. Hm, kann man Seeigel-Konserven eigentlich in Deutschland einführen? Und gegrillte Austern-Konserven? Ich beschließe, erst mal im Internet zu recherchieren, bevor ich als exotischer Fall in irgendeiner Sendung über den Frankfurter Flughafen lande. Aber ob ich das Geschäft wiederfinden werde?




Inzwischen hängt mir der Magen in den Knien und Seeigel mag ich heute doch nicht probieren. Dummerweise stehen an allen Restaurants, an denen Japaner anstehen, auch nur japanische Beschreibungen, woanders gibt es zwar die berühmten künstlichen Menus im Schaufenster, aber da weiß ich auch größtenteils nicht, was sie darstellen, und überhaupt scheint es hier vor allem Meeresfrüchte zu geben, während ich jetzt richtig Hunger habe und nicht mit irgendwelchen Oktopussen experimentieren will. Schließlich finde ich ich doch ein Restaurant, in dem ich ein Schweinefleisch-Curry esse und das erste Bier des Urlaubs trinke. Mmmh, lecker!

Danach bin ich gestärkt und schlendere noch ein wenig herum, an den Straßen entlang und bis zu einem riesigen Weihnachtsbaum, bis ich schließlich gegen 10 Uhr wieder im Hotel anlande.










Zuhause ist es jetzt erst 2 Uhr mittags, ich bin gespannt, ob ich bald einschlafen kann. Sicherheitshalber hänge ich das „Do not disturb“-Schild an die Tür, denn allzu früh will ich mich morgen nicht rausquälen. Vorher noch der Schreck: Im Getränke-Automat in der 2. Etage des Hotels gibt es keine Cola light mehr! Da werde ich mich wohl morgen mal umschauen müssen, wo ich mein Suchtmittel herbekomme.

Gute Nacht!

*Anti

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #2 am: 12.05.2018, 13:26 Uhr »
Also das ist ja jetzt ein Ding! Seit ein paar Tagen dachte ich, ich müsste der Flicka doch endlich mal eine Nachricht schreiben ("mache ich am Wochenende nach der Arbeit"), da ich lange nichts von ihr gelesen habe... Vermutlich hast du das gespürt und dich zu einem Bericht aufgerafft? Freue mich jedenfalls, wieder etwas von dir zu lesen!

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #3 am: 12.05.2018, 17:17 Uhr »
Aha! Deiner telepatischen Beeinflussung habe ich es also zu verdanken, dass ich heute morgen mit den roboterhaften Worten "Ich... muss... Reisebericht... schreiben..." zum PC gestelzt bin.  :groove:

Na dann: Machs dir bequem und nimm dir 'n Bier!  :bier:

*Anti

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #4 am: 12.05.2018, 21:19 Uhr »
Habe tatsächlich ein Feierabendbierchen vor mir stehen...  :wink:

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #5 am: 13.05.2018, 18:01 Uhr »
Montag, 30. Januar


Zuhause hatte ich die letzten Tage vor dem Urlaub extra ein „Jetlag-Abmilderungsprogramm“ gefahren und bin jeden Tag eine halbe Stunde früher aufgestanden, um die 8 Stunden Zeitunterschied etwas abzumildern.

Das alles spielt keine Rolle mehr, als heute morgen der Wecker klingelt und ich mit üblen Kopfschmerzen aufwache. Eine Weile überlege ich im Dämmerschlaf, ob ich mich trotzdem aus dem Bett quälen soll, aber Qual und Urlaub passen irgendwie nicht zusammen. Also nehme ich Tabletten, mache die Augen wieder zu und wache schließlich um halb eins wieder auf. Jetzt geht’s mir besser, also schiebe ich mich schließlich aus dem Bett. Als ich schließlich gegen zwei Uhr das Hotel verlasse, empfangen mich Sonnenschein und Frühlingswetter, wie schön! Und kein Wunder, dass mein wetterfühliger Körper damit überfordert war.

Auf dem Weg in den Ueno Park sehe ich kleine Blüten in den Büschen. Hier scheint es wirklich viel milder zu sein als bei uns. Am Shinobazu-Teich höre ich Vogelgezwitscher, und ein paar Möwen posieren auf Pfählen vor dem Benten-Schrein im Hintergrund.




Ich wende mich erst mal nach rechts, zum Kiyomizu-Kannon-Tempel, einen der ältesten Tempel Tokios, der vom Kiyomizu-Tempel in Kyoto inspiriert sein soll oder wenigstens so ähnlich aussehen soll. Wie schon bei der letzten Reise faszinieren mich die vielen Ema-Täfelchen, auf die Bitten geschrieben werden. Ema heißt Pferd, früher waren auf den Täfelchen Pferde abgebildet, aber heute gibt es da eine bunte Motivauswahl.












Nach dem Tempelbesuch spaziere ich weiter durch den Park. Hier laufen sogar Leute im T-Shirt herum, andere hüllen sich in dicke Jacken und Schals. Anscheinend wissen auch die Tokioter nicht so ganz, wie sie das Wetter nehmen sollen. Ein Straßenmusiker spielt Cello, ein paar Kinder stehen um ihn herum und lauschen gebannt. Ein alter Mann mit einem pinkfarbenen Fahrrad hält ein Schwätzchen mit einem anderen Radfahrer. Alles ist so entspannt. Und dann finde ich auch noch die erste frühblühende Kirsche, damit hätte ich nicht gerechnet. Am Kirschbaum stehen auch schon zwei Japaner mit Fotoapparaten, da stelle ich mich doch mal schnell dazu.




Ich gehe weiter zum Toshogu-Schrein. Und hier sehe ich wieder Orangenbäume. Gestern auf der Fahrt nach Tokio hatte ich zwar auch welche gesehen, aber das für ein Produkt meines anreisegeschädigten Gehirns gehalten.












Ich überlege, ob ich den Schrein besichtigen soll, aber mich interessiert auch der Garten, der ein Stück weiter vorne an der Allee zum Schrein liegt. Der Eintritt soll zwar 700 Yen kosten, aber viele Japan gehen dorthin. Also mal schauen, was jetzt Ende Januar in einem Garten 700 Yen wert sein könnte. Wie sich herausstellt, sind es Pfingstrosen, jede mit ihrer eigenen schützenden Strohhütte. Die Sonne steht zwar schon tief, aber manche bekommen noch ein paar Strahlen ab und leuchten bunt im warmen Licht. Wow, Pfingstrosen im Januar. Anscheinend bin ich doch nicht in die Kälte gefahren, sondern in einen frühen Frühling.










Außer mir schieben sich natürlich auch andere Menschen mit Fotoapparaten durch den Garten. Einer hat etwas das gleiche Tempo wie ich, und so kommt es, dass wir schließlich nebeneinander an diesem Strauch stehen. Er hat einen ganzen Koffer und natürlich ein Makro-Objektiv dabei, dagegen sehe ich mit meinem Allrounder-Objektiv vor der Kamera alt aus, aber er zeigt mir dann auch eine Vergrößerungslinse, die er auf das Display seiner Kamera setzen kann, um das Motiv ohne Reinzuzoomen besser zu sehen. Wir können uns eigentlich nur mit Nicken und „oh“ und „ah“ verständigen, mit dem wir gegenseitig auf unsere Fotos reagieren, aber wir sind damit beide ganz zufrieden.

Als die Sonne langsam hinter den Hochhäusern am Horizont verschwindet, gehe ich zurück Richtung Shinobazu-Teich. Hier am Benten-Schrein stehen wie im Frühling 2014 ein paar Imbissstände, wenn auch nicht so viele wie damals zur Kirschblütenzeit. Einen kurzen Blick in den Schrein kann ich noch erhaschen, dann schließen sich püntklich um 17.00 Uhr die Türen. Ema-Täfelchen gibt es hier auch zu bewundern. Ich überlege noch, was das ganze Federvieh soll, dann fällt mir ein, dass gerade das Jahr des Hahns begonnen hat.










Auf der anderen Seite des Shinobazu-Teichs wartet mein Hotelzimmer.



So langsam bricht der Abend herein, aber es lässt sich immer noch gut hier draußen aushalten. Also muss das Hotelzimmer weiter auf mich warten. Ich kaufe an einem der Imbissstände Spieße mit gegrilltem Hähnchenfleisch und setze mich mit Blick auf den Schrein an einen der kleinen Tische. Dass ich hier zum Abendessen draußen sitzen würde, hätte ich nicht gedacht, auch wenn das Abendessen um viertel nach fünf stattfindet und ich mich in die dicke Jacke kuschele. Und weil ich gerade so gut sitze, warte ich bis es dunkler wird und mache noch Fotos vom Schrein.






So, jetzt ist aber einen kurze Pause auf dem Hotelbett angesagt. Im Fernsehen kommt mal wieder ein ziemlich schräger Bericht: Anscheinend ist ein Affe aus einem Zoo ausgebrochen und hat sich irgendwo in die Oberleitung geflüchtet.




Eine Stunde später mache ich mich, jetzt aber dicker angezogen, wieder auf den Weg, diesmal zur U-Bahn. Ich fahre mit der Ginza-Linie nach Asakusa, um den Sensoji-Tempel zu besuchen. Dort war ich zwar 2014 schon gewesen, aber an einem quirligen Vormittag. Jetzt will ich die beleuchteten Tempelgebäude in der abendlichen Ruhe sehen.

In der U-Bahn-Station wird gebaut, und ich lande an einem „falschen“ U-Bahn-Ausgang und habe Blick auf den Fluss Sumida und den Sky Tree auf der anderen Flussseite. Ach, der ist so nah? Dann könnte ich ja mal ein Foto machen. Auf der Suche nach einem schönen Blick auf den Turm laufe über die Brücke und schiebe mich am Gebäude der Asahi-Bauerei vorbei in eine etwas dunkle Passage. Das ist das schöne hier in Tokio, man kann sich auch als unbedarfte westliche Frau fröhlich in irgendwelchen Hinterhöfen herumdrücken, ohne dass man wahlweise überfallen oder von aufdringlichen Rikschafahrern verfolgt wird.

Einen schöneren Blick auf die Skyline auf der anderen Flussseite finde ich dann aber doch auf dem Rückweg und positioniere mich an eine breiten Weg, der unten am Fluss vorbei führt. Hier ist noch einiges los, viele Jogger traben die Promenade entlang.






Von hier aus kreise ich dann langsam den Sensoji-Tempel ein und stehe bald vor dem Tor. Hier ist noch einiges los, Menschen fotografieren sich gegenseitig am Tor mit der großen Lampe. Die bewegt sich, wenn sie von unten angefasst wird, aber sie bewegt sich auch sonst: Wind ist aufgekommen und lässt die beweglich aufgehängten Lampen schwingen. Ich gehe die kleine Straße mit Souvnirgeschäften entlang, die heute abend schon geschlossen sind. Bald erreiche ich das nächste Tor.












Obwohl der Wind immer mehr auffrischt und einzelne Böen die Lampen deutlich schwingen lassen, ist es wunderschön, heute abend hier herumzuspazieren und die Atmosphäre zu genießen.






Gegen viertel nach neun mache ich mich auf den Rückweg. Inzwischen bin ich halb verhungert. Da kommt mir eine Riesenporton überbackene Nachos im Hard Rock Café in der Ueno-Station gerade recht, samt Erdbeer-Mojito. Auf dem Rückweg kaufe ich mir in einem kleinen Supermarkt noch Cola light und japanische Schokoladekugeln.

Trotz der Kopfschmerzen am Morgen und dem Vormittag im Bett war das ein sehr schöner Tag. Einschlafen kann ich dann aber nicht so gut. Das liegt wohl am Jetlag und dem halben Tag im Bett, aber auch an dem Wind, der langsam Sturmstärke entwickelt und vor dem Fenster pfeift. Irgendwann gegen 2 Uhr nachts kommen dann noch Lautsprecher-Durchsagen von irgendwoher vor dem Hotel, aber dann schlafe ich schließlich doch ein.

Gute Nacht!

*Microbi

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #6 am: 14.05.2018, 09:20 Uhr »
Japan? Da darf ich nicht fehlen!
Das ist großartig und vielen Dank fürs Mitnehmen! *sich verbeugt*

Mic chan

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #7 am: 14.05.2018, 18:21 Uhr »
Schön, dass du auch wieder dabei bist!  :D

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #8 am: 16.05.2018, 18:47 Uhr »
Dienstag, 31. Januar


Trotz Schlafmangels wache ich schon um viertel vor acht vor dem Weckerklingeln auf, das wundert mich dann doch eine bisschen. Ein Blick aus dem Fenster verrät: blauer Himmel, kein Sturm, wunderbar, dann kann ich ja entspannt nach Nikko starten. Zuerst hole ich mir im Bahnhof aber eine Platzreservierung für den Shinkansen, mit dem ich morgen fahren will, denn für die Verbindung, die ich mir ausgeguckt habe, gibt es nur reservierte Plätze.

Das ist schnell erledigt, und so bin ich bald am unterirdischen Gleis. Um viertel vor zehn steige ich in den Yamabiko-Shinkansen Richtung Norden.






Wie die Durchsage verrät, könnte ich damit auch nach Fukushima fahren, will ich dann aber doch nicht. Während der Fahrt bin ich erst mit meinem Frühstück beschäftigt, leckerem gefüllten Pfannkuchen, den ich mir gestern schon gekauft habe. Aber ein kurzer Blick aus dem Fenster lässt mich dann doch zum Fotoapparat greifen: Der Fuji!




Ansonsten komme ich mir heute morgen mal wieder wie ein westliches Trampeltier vor. Im Zug ist es so leise, dass ich mein Plastiktütengeraschel total peinlich finde, wahrscheinlich hört man es durch den ganzen Zug. Ich bilde mir sogar ein, dass man mich beim Pfannkuchenessen schmatzen hört. Echt peinlich.

Um halb elf ist Utsunomiya erreicht, also schnell nach vorne zur Lok und den Zug portraitiert.




Dann steige ich um in den JR-Zug nach Nikko. Die Fahrt dauert gute fünfzig Minuten, und an der vorletzten Station steigt eine komplette Schulklasse ein, wie süß! Sie sind gut eingepackt, also wird es in Nikko wohl kalt.

In Nikko fährt der World Heritage Bus genau in dem Moment ab, in dem der Zug ankommt, das ist jetzt aber total japanuntypisch. Ich erwische stattdessen aber den Bus zu irgendeinem Onsen, der auch am Tempel-Bezirk hält. Ich bringe ich mal wieder meine Suica-Card zum Einsatz: Beim einsteigen hält man sie an das entsprechende Feld, beim Aussteigen genauso und der Betrag für die Fahrt wird abgebucht. Sehr praktisch.

Zuerst komme ich an der schönen Brücke vorbei, die sich mit schneebedecktem Berggipfel im Hintergrund über den kleinen Fluss spannt.




Von hier aus erklimme ich Stufen und Straßen hinauf zu den Tempeln. Erste Statuen und Drachenbrunnen erwarten mich am Rinnoji-Tempel. Der Tempel selbst wird nach wie vor renoviert, da konnte ich schon beim ersten Besuch nur einen kleinen Teil sehen, das schenke ich mir heute.




Weiter geht’s zum Toshogu-Schrein. Der hatte mich beim ersten Besuch so fasziniert, dass ich ihn nochmal besuchen wollte, und ein wenig hatte ich auf einen Tempel in einem leicht verschneiten Wald gehofft. Schnee gab es hier tatsächlich schon, aber auf den Bäumen liegt nichts mehr. Schade, aber auch der wenige verbliebene Schnee sorgt für Winterstimmung.

Ich schaue mir erst die Pagode vor dem Eingangstor an. Diesmal will ich sie mir näher ansehen Ound zahle den Eintritt. So richtig lohnt es nicht, denn die Schnitzereien und Malereien müssten rerstauriert werden, aber anscheinend sind rings um den Tempel die chinesischen Tierkreiszeichen abgebildet und ein paar sind dann doch noch ganz gut erhalten.






Jetzt gehe ich weiter zum Toshogu-Schrein. Ein wenig hatte ich ja befürchtet, dass ich ihn in meiner Erinnerung verklärt habe, aber nein, ich bin wieder genauso erstaunt über die Vielfalt und die Kunstfertigkeit der Verzierungen. Die Elefanten der Fantasie sind noch da, bei den Affen wird derzeit renoviert, aber he, was ist denn das? Die berühmten drei Affen, die nichts (böses) hören, sehen und sagen, sind schon wieder da und stellen sich in restaurierter Pracht den Besuchern. Wenn ich das Schild gegenüber richtig deute, sind sie erst seit vorgestern wieder da.






Ich spaziere zwischen den Gebäuden hindurch, mache mich auf die Suche nach schönen Details und lassen die Stimmung auf mich wirken. Besonders gut gefällt mir, dass der Schein abseits der Stadt auf einem Hügel unter hohen Bäumen liegt, ganz abgeschieden. Ein kunstvoller Schrein im Wald, auf mich wirkt das zeitlos und märchenhaft. Unter außer einer einzigen chinesischen Reisegruppe, die aber schnell durchgeschleust ist, spazieren hier nur Individualbesucher herum. Kein Vergleich zu meinem ersten Besuch, bei dem ich zwei oder drei deutsche Reisegruppen gesehen habe.














Hier gibts Glück nicht nur in Form von Ema-Täfelchen, sondern auch als goldenes Hufeisen. Anscheinend wirkt das Hufeisen aber nur, wenn vorher das hufeisentragende Pferd den Schrein besucht hat, jedenfalls gibts dafür entsprechende Beweisfotos.




Als nächstes gehe ich durch das leider immer noch verhüllte Tor zum nächsten Bereich. Auch am weißen Tor leuchten die Schnitzereien. Und oben auf dem Dach halten die Drachen Wache.












Gespendete Sake-Fässer gibt’s hier auch – die aufgestapelten Bierdosen nebenan fand ich nicht so fotogen.




Die schlafende Katze, die die List des Shoguns symbolisieren soll, der weiter oben auf dem Hügel in seinem Grab liegt, wurde inzwischen auch restauriert.




So, den fauchenden Drachen in der angrenzenden Halle schenke ich mir, den kenne ich schon vom ersten Besuch. Die Vorführung mündete in eine Glücksbringer-Verkaufsveranstaltung. Außerdem muss man da die Schuhe ausziehen, dafür ist es mir heute eindeutig zu kalt.

Ich spaziere weiter zum Futarasaan-Schrein. Der hatte mir beim ersten Besuch auch sehr gut gefallen. Heute kann ich das gar nicht mehr verstehen, ich schaue mich nur kurz um. Das liegt allerdings auch daran, dass plötzlich ein Lärm beginnt, als hätte der Schrein in seinem Hinterhof eine Sägemühle eröffnet. Ein paar Fotos mache ich noch, aber dann ergreife ich bald die Flucht. Wie ich dann sehe, hantiert hier jemand mit einem gigantischen Laubbläser, um Blätter und altes Moos aus Mauern zu pusten.








Der letzte Tempel ist der Tayunbion. Der liegt mehr oder weniger verlassen oben auf einem Hügel. Ein Stück hinauf begleitet mich ein privater Laubbläser, der immer wieder über einen sowieso schon völlig sauberen Weg pustet, aber den lasse ich zum Glück bald hinter mir, und oben hört man dann kaum noch etwas.








Nach dem Tempelbesuch habe ich Glück und kann gerade noch in den wartenden World Heritage Bus springen. Zurück in Nikko hole ich mir etwas zu trinken und einen Snack auf die Hand: Ein fritiertes knuspriges Etwas, außen salzig, innen süß gefüllt, auf den ersten Bissen gewöhnungsbedürftig, auf den zweiten Bissen sehr lecker.

Um vier Uhr fährt dann der Zug zurück nach Utsunomiya. Dort kaufe ich eine Bentobox für unterwegs und steige in den Shinkansen um. Der Shinkansen zurück nach Tokio-Ueno ist relativ voll, kein Wunder, Feierabendverkehr. Der Reis in der  Box schmeckt lecker, dabei ist irgendwelches eingelegtes Gemüse, das ich nicht identifzieren kann, aber das frittierte frikadellenartige Teil in der Box schmeckt leider eindeutig nach Fisch, also bleibt es liegen.

Gegen sechs Uhr komme ich schließlich wieder im Hotel an und lege eine gute Stunde die Füße hoch, surfe im Internet und schreibe Mails. Danach packe ich den Fotokram zusammen und mache mich auf den Weg mit der Yamanote-Linie nach Shibuya. Die Fahrt dauert etwas eine halbe Stunde, immer noch sind die Wagen voll. In Shibuya geht es auch an einem Dienstagabend hoch her. An der Statue des treuen Hachiko werden Erinnerungsfotos gemacht, hundert oder tausende von Menschen schieben sich gleichzeitig über die berühmte Kreuzung, Lärm und Lichter überall. Ich baue trotzdem mal das Stativ auf, das funkioniert erstaunlicherweise ganz gut. Niemand macht Anstalten, über die Stativbeine zu fallen.






Anschließend gehe ich noch den Center Gai, die Hauptflaniermeile entlang und biege auch in die ein oder andere Seitenstraße ab. Manchmal bin ich nicht sicher: Karaokebar oder Bordell oder beides?










Im Hotel bin ich gegen viertel nach zehn zurück und muss noch die Übernachtungstasche für morgen packen. Dann wird mein Koffer eine Nacht im Hotel zurückbleiben, und ich werde mich auf den Weg in die japanischen Alpen machen.

Gute Nacht!

*Anti

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #9 am: 16.05.2018, 21:54 Uhr »
Wie Japan-erfahren du doch schon bist: Mal eben einen Sitzplatz im Zug reservieren, schnell mal auf eine andere Buslinie ausgewichen und wie eine alte Häsin das Ticket vorgezeigt. Von einem lustigen Karaokeabend hättest du vermutlich berichtet, daher bist du wohl keinem dieser Glitzerlichter gefolgt...  :lol:

*Microbi

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #10 am: 17.05.2018, 11:44 Uhr »
Ja, mir ist auch aufgefallen, wie gewandt Du Dich in Japan bewegst! Wir staunen nur und für Dich ist so manches schon Routine.  :shock:

Nikko ist immer wieder schön. Ich erinnere mich an die "Märchenwälder" in der Anlage. Überall ein dicker Moosteppich. Du hast bei den Fotos auch die Tokugawa Kamons erwischt. Bei meinem Besuch ist es mir gar nicht aufgefallen, wie oft diese auch in kleinen Details wiederkehren. Schön.

Ich wollte schon fragen, aber jetzt hast Du die nicht gestellte Frage schon beantwortet: Du hast ein Stativ dabei gehabt! Ich war schon verunsichert, wie Du die Nachtaufnahmen so toll hinbekommen hast.

Sehr, sehr schön!

Mic

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #11 am: 17.05.2018, 20:26 Uhr »
Tja, dass ich mich beim Zweitbesuch so geschmeidig durch Japan bewegen konnte, hat mich selbst ja schon ein bisschen stolz gemacht. Deshalb lasse ich es auch hier im Reisebericht ein bisschen raushängen.   :wink:

Ich glaube, man ist nur begrenzt für Neues aufnahmefähig. Beim Erstbesuch war ich zum guten Teil von den ganzen organisatorischen Dingen eingenommen: Wie geht das überhaupt mit Zugfahren, Busfahren, Fahrkarten kaufen? Finde ich mich vor Ort zurecht, ist mein "Programm" realistisch? Dadurch hatte ich vor allem zu Anfang der Reise oft den Kopf nicht frei genug, um mich ganz auf die Sehenswürdigkeiten einzulassen.

Diesmal war das schon anders, und ich konnte mich mehr treiben lassen. Nikko hatte mir schon beim ersten Besuch sehr gut gefallen, da war es aber auch deutlich trubeliger dort. Wahrscheinlich empfand ich dann den benachbarten weniger besuchten Futarasaan-Schein als richtige Wohltat. Dieses Mal konnte ich ohne Zeit- und Organisationsdruck und ohne von verschiedenen Reisegruppen behindert und beschallt zu werden, durch die Anlage spazieren.

Andrea, in Shibuya war ich "nur" draußen unterwegs. Wie du selbst schon vermutet hast: Einen Karaoke-Abend hätte ich euch nicht vorenthalten!  :rollen:

Mic, ich staune immer wieder, wie viel du weißt: Ich musste jetzt erst mal googeln, was Tokugawa Kamons sind. Für alle, die es auch nicht wussten: Es sind die runden Verzierungen an den Dächern, die drei Malvenblätter in einem Kreis zeigen, und das war das Wappen des Tokugawa-Clans.


*Microbi

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #12 am: 18.05.2018, 12:33 Uhr »
Oh, Entschuldigung.  :oops: Es sollte keine Angeberei sein.
In Nikko dreht sich doch fast alles um die Tokugawa, die die Anlage und sogar die Straße dorthin aus Tokyo (teilweise heute noch befahrbar, wenn in Nikko auch nur Einspurig, denn es ist eine schmale Alee mit Tannen) errichtet haben. Auch Ieyasus (erster Tokugawa Shogun) Mausoleum ist dort. Deswegn taucht das Wappen natürlich dauernd auf, aber Du hast so schöne kleine Details davon eingefangen! Man merkt, dass Du Zeit hattest. Das gilt auch für die anderen feinen Einzelheiten.
Ich habe hier auch noch ein-zwei kleine Souvernirs mit dem Malven-Kamon, daher ist es mir noch gegenwärtig.

Mic

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #13 am: 18.05.2018, 16:46 Uhr »

Oh, Entschuldigung.  :oops: Es sollte keine Angeberei sein.


So hatte ich es auch überhaupt nicht verstanden. Mein Bewunderung für dein Wissen ist ehrlich gemeint. Und lustigerweise ist mir dann erst durch deinen Hinweis aufgefallen, wo sich die Symbole überall befinden.

*Flicka

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Antw:Von Schneeaffen und Schneepalästen - Japan im Winter 2017
« Antwort #14 am: 19.05.2018, 11:56 Uhr »
Mittwoch, 1. Februar


Ich habe es gestern nicht geschafft, vor halb eins einzuschlafen, werde aber trotzdem um halb sieben wach. Um acht Uhr checke ich aus. Mein Koffer darf hier bleiben, aber meine Übernachtungstasche ist so schwer geworden, dass ich mich inzwischen frage, ob ich nicht doch besser den ganzen Koffer mitnehmen würde. Eigentlich komme ich mir ja albern vor mit den Schneestiefeln im Gepäck, wo doch hier in Tokio die Orangenbäume stehen. Und war es nicht übertrieben, heute morgen schon Ski-Unterwäsche drunter zu ziehen? Egal, nochmal umpacken oder mich umziehe werde ich jetzt sicher nicht mehr.

Am Bahnhof hole ich mir noch zwei herzhafte Frühstückssnacks, eine Art Würstchen auf pikantem Fladen und eine Art Riesenkrokette im Brötchen. Die Riesenkrokette esse ich dann gleich mal im Shinkansen, das Würstchen hebe ich mir für schlechtere Zeiten auf.

Heute ist der Himmel wieder blau und die Sonne scheint in den Shinkansen. Ich habe mich für den Kagayagi entschieden und dafür gestern einen Fensterplatz reserviert. Der Zug rast mit nur einem Stopp in Omiya in 1 Stunde 18 Minuten nach Nagano. Wie zu erwarten war schwitze ich in meinen Kleidungsschichten. Skiunterwäsche, Shirt, Weste, Jacke, darauf noch der Rucksack und über der Schulter die schwere Tasche, so wuchte ich mich um zehn Uhr in Nagano aus dem Zug. Aber hier ist es deutlich kälter als in Tokio, also war es doch nicht so doof, mich für den Winter zu rüsten.

Ich kaufe unten bei der privaten Dentetsu Railway ein Ticket für den Limited Express nach Yudanaka. Im unterirdischen Warteraum ist es eiskalt, da gehe ich mal schauen, ob der Zug schon im unterirdischen Bahnhof steht. Tatsächlich, und weil ich so früh dran bin, kann ich am Panoramafenster ganz vorne im Zug Platz nehmen. Dort sitzen schon eine plauderwillige Belgierin mit ihrer Tochter und ein junger Asiate, der vermutlich stumm ist.

Die Fahrt beginnt, zuerst noch im Tunnel unter Nagano hindurch, dann breitet sich vor uns eine Winterlandschaft aus. Wie schön! Während der dreiviertelstündigen Fahrt gewinnt der Zug immer mehr an Höhe, die Berge strahlen im Hintergrund in der Sonne.








Um 11.17 Uhr erreicht der Zug Yudanaka. Ich hätte mich von den Betreibern der Unterkunft am Bahnhof abholen lassen können, aber weil ich bis gestern selbst noch nicht wusste, welchen Zug ich nehmen würde, habe ich kein Empfangskommittee bestellt, sondern muss jetzt selbst meinen Weg zur Unterkunft, einem kleinen Ryokan finden. Die Straßen sind stellenweise dick vereist. Mit den Wanderschuhen geht es, aber die Schneestiefel hätten sich hier auch schon rentiert.






Als ich das Ryokan erreiche, erklärt mir die Betreiberin, dass ich schon ins Zimmer kann, und wenn ich zu den Schneeaffen wolle, könne ihr Mann mich gleich fahren. Das ist ja klasse! Ich hatte zwar gelesen, dass man hier einen kostenlosen Shuttle anbietet, aber dass das jetzt so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Zehn Minuten später habe ich die Schneeschuhe an den Füßen und stehe am Auto. Zuerst schaue ich ein bisschen blöd, als der Mann auf der Beifahrerseite einsteigt, bis mir dann einfällt: Linksverkehr!

Die Fahrt bis zu der Stelle, an der Fußweg durch den Wald zu den Schneeaffen beginnt, dauert etwa 10 Minuten. Wir unterhalten uns über Autos, ich habe einen Nissan, genau wie mein Gastgeber, aber er wundert sich, dass ich keinen – so wörtlich - Volkswagen fahre. Unterwegs schärft er mir noch ein, wo er mich später abholt, nämlich an der Bushaltestelle „A“. Das kann ich mir merken. Seine Frau hat mir schon ein Kärtchen mit der Telefonnummer gegeben. Ich soll vom öffentlichen Telefon oben bei den Schneeaffen anrufen, bevor ich mich auf den Rückweg mache. Dann setzt er mich ab, macht noch mit meinem Fotoapparat ein Foto von mir und dann mit seinem Fotoapparat ein Foto von mir. Das fände ich jetzt äußerst merkwürdig, hätte ich nicht auf der Homepage gesehen, dass er dort genau solche Werbefotos von anderen Gästen eingestellt hat.

Die etwa halbstündige Wanderung durch den Wald ist dann schon traumhaft schön. Der Wald ist richtig verschneit, ich bin froh, dass ich die Schneestiefel anhabe. Kurz bevor man den Schneeaffenpark erreicht, kommt man dann an einen Fluß, über dem ein Haus steht. Ganz weit hinten im Schnee kann ich schon ein paar Affen sehen.














Ein letzter Anstieg, dann darf man an einem kleinen Häuschen den Eintritt bezahlen und weitergehen. Und kaum habe ich die Handschuhe ausgezogen, weil mir vom Spaziergang warm geworden ist, rutsche ich auf dem eisigen Boden weg und lande rücklings im Schnee. Hilfreiche Menschen bringen mich wieder auf die Beine, zum Glück ist nichts passiert, aber ich merke, dass man hier sehr vorsichtig gehen muss.

Und dann sind sie zu sehen, die ersten Schneeaffen. Unten am Fluß, links und rechts und oben am Hang im Schnee und auch in dem Onsen, in dem sie im Winter baden. Viele wühlen im Schnee nach Futter, andere kuscheln miteinander, einige Rabauken mischen die anderen auf. Aber insgesamt geht hier alles sehr gelassen zu. Die Affen beachten die Menschen nicht weiter und spazieren teilweise völlig unbeeindruckt zwischen Beinen und Schuhen hindurch. Aus dem heißen Onsen steigt der Dampf, die Affenkopf sind teilweise durch den Dunst kaum zu erkennen, aber ab und zu treibt der Wind den Dampf dann doch zur Seite.






























Zum Abschluss, als die Sonne langsam hinter die Bäume sinkt und sich die Schatten ausbreiten, gehe ich noch hinunter zu dem Bach, an dem viele Affen sitzen. Viele kuscheln miteinander und lausen sich gegenseitig.












Die Affenkinder spielen, eines fingert an dem Fellrand meines Stiefels herum und testet vielleicht, ob man den Stiefel lausen kann. Da hat es aber kein Glück, der Stiefel ist aus Synthetik. Zwischendurch treffe ich noch die Belgierinnen aus dem Zug wieder, dann mache ich mich schließlich doch auf den Weg zurück. Das beschriebene Telefon an den Toiletten finde ich schnell, nur beim ersten Versuch, in der Unterkunft anzurufen, erwische ich bloß eine freundliche japanische Ansage. Hm, hoffentlich habe ich das richtig verstanden, dass ich nur die letzten fünf Ziffern der Telefonnummer wählen soll. Ich probiere es nochmal und werfe sicherheitshalber mehr Münzgeld ein, und diesmal klappt es. Es ist kurz vor drei, und man wird mich um halb vier unten an der Bushaltestelle abholen.

Auf dem Weg zurück, außerhalb des Parks, sitzen auch einige Affen, und einer von ihnen springt mir plötzlich von hinten auf den Rucksack. Zum Glück springt er schnell weiter, aber ich erschrecke doch ganz schön. Vorhin bin ich so dicht an die Affen herangegangen, jetzt merke ich, dass das gar nicht so ungefährlich war.

Auf dem Weg kaufe ich noch eine Sonder-Kit-Kat-Edition, die unten in einem Souvenirshop angeboten wird: Kitkat mit Shinshu-Apfel-Geschmack. Kitkat klingt auf japanisch so ähnlich wie „Du wirst Erfolg haben“, und so ist es kein Wunder, dass die Riegel hier sehr beliebt sind und die Firma sich einiges hat einfallen lassen, um den Umsatz noch zu steigern: Es gibt Sonder-Editionen, inzwischen wohl schon über hundert. Manche sind nur in bestimmten Gegenden erhältlich, andere zu bestimmten Festen oder Jahreszeiten.

So weit so gut, ich stelle mich an die Bushaltestelle A und warte. Leider kommt erst mal niemand, während sich hinter mir Leute anstellen, weil sie wohl meinen, dass ich auf den Bus warte. Hm, zwanzig vor vier, viertel vor vier, zehn vor vier, sehr merkwürdig. Hat es mit der Verständigung etwa doch nicht geklappt? Ist irgendwas passiert? Um kurz vor vier beschließe ich: Wenn hier ein Bus nach Yudanaka abfährt, dann nehme ich ihn. Dann kommt aber doch die Herbergswirtin angefahren und entschuldigt sich vielfach. Kein Problem, ich konnte ja in der Zeit meine Fotos sichten, erkläre ich und bedanke mich nochmals vielmals für das kostenlose Shuttle. Die Leute an der Bushaltestelle gucken dagegen etwas dumm aus der Wäsche, dass ich, sozusagen der Kopf der Schlange, plötzlich in meinen Privatbus einsteige.

In der Unterkunft wühle ich mich dann aus meinen Kleidungsschichten und stelle fest, dass es eine Heizung gibt, die auch läuft.




Erst mal lege ich eine Rast ein, und später will ich noch einen Ausflug nach Shiba-Onsen machen, einen wohl ziemlich malerischen Nachbarort. Mich irgendwann aufzuraffen fällt mir gar nicht so schwer, denn trotz Heizung ist es im Zimmer kalt: Die Wände bestehen quasi aus Papier, und der Wind pfeift durch die Ritzen.

Ich werfe mich also wieder in mehrere Ladung Kleidung und wechsele unten die Pantoffeln gegen Schneestiefel. „Outside not good“, meint der Herbergswirt allerdings. Hm. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass angefangen hat zu schneien, und es sind keine sachten Flocken, sondern horizontaler heftiger Schnee. Jetzt bin ich aber angezogen, da gehe ich auch raus, beschließe ich und mache mich todesmutig auf den Weg. Nach 10 Minuten drehe ich wieder um. Outside not good, da hatte er wohl recht.




Also Plan B: Hier in der Gegend baden ja nicht nur die Affen in heißem Wasser. Überall gibt es Onsen, heiße Bäder, die ihr Wasser direkt von den heißen Quellen hier im „Höllental“ beziehen. Und auch mein Ryokan hat ein solches Onsen. Zurück im Zimmer wird gestrippt, ich wickele mich in die bereitgelegte Yukata, und dann geht es runter ins heiße Bad. Natürlich erst mal wie vorgeschrieben außerhalb des Beckens ausgiebigst den Schmutz des Tages vom Körper waschen, dann sinke ich ins heiße Wasser. Netterweise habe ich das ca. 2 auf 2 Meter große Becken für mich alleine. Länger als 20 Minuten halte ich es aber nicht aus, obwohl ich zwischendurch den Körper mit einer lauwarmen Dusche wieder etwas runterkühle. Anschließend laufe ich noch meinem Herbergswirt über den Weg und kann ihm eine Flasche Bier abkaufen. Damit entspannt es sich dann anschließend im Zimmer noch schöner.




Die Futonmatratze ist zwar dünn, aber ich habe so langsam die nötige Bettschwere, und so liegt es sich doch nicht so schlecht. Ich esse meine mitgebrachten Snacks, sichte Fotos, lese und schlafe irgendwann gegen zehn Uhr ein und schlummere selig, während draußen der Wind pfeift.

Gute Nacht!