So es geht weiter. Ich hatte Euch ja vor einer guten Woche in einem kleinen Tourboot am South Sawyer Gletscher zurueckgelassen, jetzt wird es aber Zeit, dass es wieder zurueckgeht.
27.8.2010 Tracy Arm (Teil II)Langsam navigiert der Captain unser Boot aus dem Eis heraus, bis wir wieder mehr Wasser als Eis um unser Boot herum sehen. Links und rechts machen sich Eisberge in allen Groessen auf ihren Weg den Fjord hinunter. Einige grosse Exemplare schaffen es bestimmt bis in die Holkham Bay und vielleicht sogar weiter.
Bevor wir uns auf dem selben Weg machen gibt es aber noch einen weiteren Stop.
Wo es einen SOUTH Sawyer Gletscher gibt, da kann der NORTH Sawyer Gletscher ja nicht weit sein und in der Tat eine gute halbe Stunde spaeter guckt er in seiner blau-weissen Schoenheit um die Ecke eines Nebenarms des Fjords.
Man sieht deutlich den Unterschied. Dieser Gletscher war die letzten Tage ein ruhiger Vertreter seiner Art. Das Kalben hat er seinem Bruder im Sueden ueberlassen und so befindet sich kaum Eis im Wasser vor dem zweiten Gletscher.
Das heisst die armen Seehunde koennen nicht braesig auf der Scholle liegen, sondern muessen fleissig schwimmen.
Und weil es so schoen ist findet sich sogar irgendwo in der grauen Wolkendecke ueber uns ein kleines Loch, durch das die Sonne ab und an ihre Strahlen auf das blaue Eis schickt.
Nach der Ruhe der letzten Tage fuehlt sich der Gletscher offenbar bemuessigt etwas fuer seine schlanke Linie zu tun und wir koennen immer wieder beobachten wie kleinere und groessere Stuecke vom Gletscher abbrechen.
Ein schoenes Fotospielchen: man hoert das Krachen und Bersten und muss schnell gucken, wo wird jetzt grad gekalbt. Richtiges Jagdfeeling: mit geladener Kamera sitze ich schussbereit und bei dem kleinsten Geraeusch reisse ich die Kamera in Position und druecke auf den Ausloeser um ein Kalb zu erlegen.
Der Captain verkuendet ueber Lautsprecher dass er etwas laenger als geplant bleiben will. Er hat das Gefuehl, dass in Kuerze ein grosses Stueck vom Gletscher abbrechen wird.
Und so warten wir und warten wir. Schliesslich die Durchsage, noch fuenf Minuten und wenn dann nix passiert, muessen wir aber wirklich los, da wir schon viel Zeit mit den Walen und dem Eis am South Sawyer Gletscher verbracht haben.
Mir faellt mal wieder ein dass meine Knipse ja auch kleine Video-Clips aufnehmen kann und denke mir, halt einfach mal ne Minute drauf. Wenn ich Gluck habe bricht vielleicht irgendwo gerade ein Stueckchen ab und ich hab mal eines dieser Ereignisse nicht nur auf Foto sondern auf Video.
Naja ich wills jetzt nicht gross dramatisieren, aber Ihr koennt Euch denken, was passiert ist.
Glueck gehabt
Die Dimensionen dieser skurrilen Eislandschaft sind sehr schwer einzuschaetzen, aber ich habe im Nachhinein mal versucht die Breite des Gletschers in Karten nachzuschauen und aus dem Vergleich die Hoehe des abgebrochenen Stuecks abzuschaetzen. Nagelt mich nicht auf ein paar mehr oder weniger Meter fest, aber demnach waere der Brocken der da ins Meer rauscht etwa so gross wie ein 15-stoeckiges Hochhaus.
Kein Wunder das der Captain als erstes erstmal das Schiff dreht, so dass wir die grosse Welle, die der Eisberg ausloest, von achtern abbekommen. Und die ist nicht ohne.
Falls ich also noch irgendwelche Fragen gehabt haette warum wir mit den Kajaks nicht naeher an den Gletscher heran gefahren sind, spaetestens jetzt duerfte das geklaert sein.
Dann verliert der Captain aber keine weitere Minute mehr und wir verlassen auch den zweiten Gletscher.
Aber das sind ja nicht die einzigen Gletscher im Fjord. Man muss nur ein wenig nach oben gucken, dann sieht man oben in den Haengetaelern an beiden Seiten die Gletscherzungen aus den Wolken kriechen.
Durch das milchig blaue Wasser geht es zurueck bis zu den Eisbergen der Holkham Bay.
Wie lange “unser” frisch abgebrochener Eisberg wohl braucht, bis er hier ist. Und in wievielen Stuecken kommt er wohl an?
Als wir im offenen Wasser der Stephens Passage sind und Richtung Norden zurueck nach Juenau fahren wird mir im wahrsten Sinne wieder schmerzhaft bewusst, dass ich meine Handschuhe vergessen habe. Die Idee war ja, das ich die Finger in den Hosentaschen lasse damit sie warm bleiben, aber wie will man dann fotografieren?
Jetzt spuere ich die Finger kaum noch und bin auch sonst trotz meiner diversen Lagen so durchgefroren, das ich mich in die Kabine begebe.
Dort wird unter anderem heisse Instant-Nudelsuppe verkauft. Keine kulinarische Offenbarung und ich habe eigentlich auch keinen Hunger, da ich gut Snacks eingepackt hatte, aber ich kann der Verlockung einer heissen Suppe einfach nicht wiederstehen.
Und wieder lerne ich, kaltgefrorene Finger tun vielleicht weh, aber richtig schmerzhaft wird es erst wenn sie wieder auftauen. AUA!
Als ich in der warmen Kabine meine heisse Suppe schluerfe entdecke ich am Aufgang zur Bruecke ein Schild, das dazu einlaedt, dort hochzukommen und neben dem Captain Platz zu nehmen. Da sonst niemand dort oben sitzt nehme ich das Angebot wahr und setze mich in den leeren Sessel. Hier gibt es weitere Schilder, die einen ausdruecklich ermutigen dem Captain Fragen zu stellen. Lediglich bei der Fahrt durch Eis, wenn volle Konzentration erforderlich ist, wird gebeten auf Fragen zu verzichten.
Ich erfahre dass Captain Steve urspruenglich ein Mathelehrer in Washington State war, der vor gut 17 Jahren nach Alaska gekommen ist. Und solange schon faehrt er auch jeden Sommer Tag fuer Tag mit seinem Boot in den Tracy Arm. Was mich beeindruckt, mit welcher Begeisterung, Kenntnis und Waerme er selbst auf seiner zweitausendsoundsovielten Tour von der Landschaft schwaermt.
Ich erfahre noch viele interessante Details von ihm. Auf meine Frage, ob sich denn seine Kundschaft hauptsaechlich aus Kreuzfahrern rekrutieren wuerde, erzaehlt er mir, dass man Kreuzfahrt-Reedereien einen ordentlichen Prozentsatz seiner Einnahmen abgeben muss , damit sie ihren Gaesten die Tour anbieten und empfehlen. Dazu muss man sich vertraglich verpflichten niemandem die Tour fuer weniger Geld zu verkaufen als den Kreuzfahrttouristen (vor Abzug der Prozente). Das haette er zwei Jahre gemacht und waere wieder davon abgekommen, da er so die Tour wesentlich billiger anbieten kann.
Nach einer Weile verweise ich auf ein weiteres Schild auf der Bruecke, das darum bittet nach 15-20 Minuten den Platz zu raeumen, um auch anderen die Gelegenheit zu geben mit dem Captain zu sprechen. Er meint, ich waere heute erst der dritte ueberhaupt und ich solle man ruhig bleiben, wenn ich wollte. So verbringe ich dann die gesamte Rueckfahrt auf der warmen Bruecke und halte Kloenschnack mit dem Captain ueber Gott und die Welt.
Zurueck in Juneau treffe ich mich mit den anderen untem am hafen im Red Dog Saloon. Da diesmal noch Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen ist auch nicht geschlossen.
Ein Barde spielt auf. Er kann beides: Country UND Western. Die Stimmung unter dem Publikum des etwas fortgeschrittenen Alters von den Kreuzfahrtschiffen toppt locker jeden bunten Abend in der Seniorenbegenungsstaette. Da steppt der Baer (na gut, er haengt eher ausgestopft ueber dem Tresen). Trotzdem sehr nett.
Ich bin noch ganz voll mit Eindruecken vom Tracy Arm, so dass Brad mich grinsend fragt, ob ich ihn immer noch fuer einen hoffnungslosen Lokalpatrioten halten wuerde, wenn er sagt Tracy Arm sei besser als Glacier Bay. Da ich die Glacier Bay nicht kenne kann ich mir kein Urteil erlauben, aber ich muss Brad zugestehen, dass es fuer die Glacier Bay verdammt schwer sein wuerde den heutigen Tag zu toppen.
Das war ein echter Hoehepunkt.